Der Traum der Tausend¶
Eine Mär der Su'un
Tai Sah'Halour - Glurias
Epistemischer Status: #überlieferung (Philosophische Mythologie)
Diese Erzählung gehört zu den bedeutendsten Mythen der Nordmänner (Su-un) und befasst sich mit der metaphysischen Verbindung zwischen Katzen, Träumen und der Konstruktion der Wirklichkeit.
Zusammenfassung¶
Die Geschichte handelt von einer uralten Wanderkatze, die den versammelten Katzen einer Stadt die Wahrheit über ihre Herkunft offenbart. Sie berichtet von ihrer Reise in das Reich des Nebelfürsten (Sphaerenkunde), wo sie vom König der Katzen lernte, dass die Welt einst den Katzen gehörte.
Demnach waren Menschen ursprünglich nur nackte Diener, bis tausend von ihnen gemeinsam davon träumten, die Herren der Welt zu sein. Dieser kollektive Traum veränderte die Realität vom Anbeginn der Zeit an und machte die Katzen klein und die Menschen groß. Die Erzählerin ruft nun alle Katzen dazu auf, die Welt "zurückzuträumen".
Lore-Bedeutung¶
- Subjektive Realität: Die Erzählung stützt die Theorie der [[Traumformung]], bei der kollektiver Glaube oder Träume die physische Welt beeinflussen können.
- Kultur der Su'un: Zeigt das tiefe Verständnis der Nordmänner für Tiergeister und Schamanismus.
- Symbolik: Der Totenvogel fungiert als Schwellenwächter zwischen den Sphären.
Manchmal kommt es vor, dass Katzen wenn sie schlafen sich ducken, langsam die Pfoten bewegen nur um dann plötzlich zu zucken und wieder ruhig zu werden. Es ist, als würden sie im Schlaf etwas jagen - sie träumen. Dass Katzen träumen bedeutet, dass auch sie teilhaben am Reich des Nebelfürsten - und von Katzen und Träumen soll diese Geschichte nun handeln.
Eines Tages begab es sich, dass eine alte Katze in die Stadt kam, der ihr Ruf als große Geschichtenerzählerin - ja auch solche gibt es unter den Nachtschleichern - schon weit vorausgeeilt war. Die Nachricht über ihre Ankunft verbreitete sich schnell und so kam es, dass sich, kaum war die Nacht hereingebrochen, die gesamte vierbeinige und samtpfotige Einwohnerschaft der Stadt auf dem Dach des Schuppens versambelte, auf dem die Streunerin ihr Lager aufgeschlagen hatte.
Viele waren gekommen: Da kauerten getigerte Straßenkatzen, zerschunden und vernarbt von dem ständigen Kampf, der ihr Leben ist, neben grauen Hauskatzen, grünäugig und pflichtbewusst stets in Sorge, dass sie das Haus, welches sie von Ungeziefer und Krankheiten reinhalten sollten, nicht zu lange vernachlässigten. Da thronten wohlgenährte weiße Schoßkatzen, das Fell gebürstet, gepflegt, die Klauen sorgfältig manikürt ungeduldig am Überlegen, ob sie nicht lieber in die bequeme Obhut ihrer menschlichen Versorger zurückkehren sollten, neben bunt gefleckten Hofkatzen, die sich so lange untereinander gebalgt hatten, bis ihre Sitzreihenfolge ihrer Stärke, ihrer Gewandtheit und nicht zuletzt ihrer Gerissenheit entsprach. Sie alle waren gekommen, um die index der Alten zu hören und sie alle beäugten sich gegenseitig misstrauisch, waren ungeduldig, wieder zu ihren eigenen Geschäften zurückzukehren - doch sie warteten.
Längst waren die Sterne aufgegangen und längst spiegelte sich der Mond in den hunderten von grün und golden glimmenden Augenpaaren wieder, die auf den Haufen Stroh, Holz und Stoff gerichtet waren, welcher die Lagerstätte der Streunerin darstellte doch nichts rührte sich dort. Die ersten der Zuhörer begannen bereits, unruhig zu werden, da glühten im schwarzen Schatten des Lagers zwei bläulich leuchtende Augen auf und die raue, uralte aber dennoch eindringliche Stimme der Erzählerin erhob sich wie eine Nebelwolke über das Dach.
"Seid willkommen, Katzen, die ihr über die Dächer dieser Menschenstadt herrscht! Seid mir gegrüßt, ihrjenigen, die ihr im treuen doch selbstgewählten Dienst der Zweibeiner deren Behausungen von Ungeziefer reinhaltet! Seid auch ihr mir gegrüßt, die ihr dazu da seid, euren menschlichen Herren mit eurer Schönheit, Anmut, Anschmiegsamkeit und Zuneigung Freude zu bereiten! Und schließlich sollt ihr mir willkommen sein, die ihr dem Menschen ein notwendiges Übel seid und euch nicht um seine Belange schert, solange er euch nicht dazu zwingt.
Es ehrt mich, dass ihr heute alle erschienen seid, um meiner index zu lauschen. Es ist eine besondere index, denn handelt von Geschehnissen, die für uns alle von Bedeutung sind. Sie handelt davon, wie die Welt einst war, wie sie nun ist und wie sie dereinst sein könnte. Sie handelt auch von den Katzen, wie sie einst waren, wie sie nun sind und sie dereinst sein könnten. Sie handelt von Träumen ... und von der wirklichen Welt." Das raue Maunzen der Erzählerin verklang für eine kurze Weile, als sie sich in den Bildern, die diese Worte in ihr hervorriefen, zu verlieren schien. Das Glimmen in der Tiefe ihrer Augen strich einmal über die Menge ihrer Zuschauer. "Es wird Zeit, dass die Erzählung beginnt:
Ich war nicht immer so, wie ihr mich heute seht. Einst, vor langer Zeit, war ich, wie viele von Euch in der Sklaverei der Menschen, lebte in ihrer Welt: Werkzeug, Spielzeug, Besitz und Tand. Stets redete ich mir ein, wie das vielleicht viele von Euch tun, dass ich mein Leben selbst bestimmen würde. Sie nährten mich, sie gaben mir Wärme und Zuneigung - und was gab ich ihnen? Etwas Zutrauen vielleicht. Meine Gegenwart. Wenig Genug für das, was sie boten!" Bei diesen Worten lief eine kurze Aufwallung von Unruhe durch die Menge der versammelten Nachtjäger, doch bevor sich protestierende Stimmen erheben konnten, fuhr die Erzählerin fort mit ihrer index:
"Er war ein Streuner. Zerfetztes Ohr, dunkle Augen. Es war meine Zeit der Liebe - und ihn hatte meine Wahl getroffen. Unser gegenseitiges Vergnügen und die Vollendung unseres gemeinsamen Verlangens wurden zum Himmel geschrieen, bis an den Bogen des Firmaments. Er war stark und schnell und seine Krallen und Zähne waren scharf wie der Winter. Ich sah ihn nie wieder - aber niemals habe ich ihn vergessen.
Nach Ablauf der Zeit brachte unser Vergnügen Nachwuchs hervor, eine wundervolle Vereinigung unserer beider Zeichnung. Ich stellte mir die Freude vor, mit der ich ihnen vom Leben erzählte; von den Freuden des Waschens, der Jagd, des Überlebens... Sie flüsterten von ihrer Freude: von mir abzustammen, dem Geschmack von Luft und Milch, ihrem Glauben an die Zukunft..." einem schönen doch vagen Gedanken nachhängend, ließ die Streunerin eine kurze Pause entstehen. Dann jedoch schien sich ein Schatten über das Funkeln ihrer Augen zu legen:
"Die Menschen teilten unsere Freunde nicht. Sie fanden meine Jungen, als sie noch nicht gewandt und stark genug waren, um sich in der für sie neuen Welt zurechtzufinden und nahmen sie von mir fort. Für immer. Aus der Ferne fühlte ich sie in der Dunkelheit, als das kalte Wasser sie umfing. Fühlte sie blind um sich kratzen und schlagen; fühlte wie sie in Furch und Panik nach mir riefen.
Dann waren sie fort."
Diesmal war es eine Woge des betroffenen Schweigens, die durch die zahl der Zuhörer lief, doch die Stimme der Alten setzte nur kurz aus und der Schleier in ihren Augen wich einem schwelenden Feuer:
"Da wusste ich, dass ich mir etwas vorgemacht hatte. Wir waren Untergebene. Solange wir mit den Menschen lebten, waren wir nicht frei. Und ich betete. Ich betete zur Dunkelheit, zur Nacht, zu den Aasfressern. Ich betete zur Königin der Katzen, ihrem Boten auf der Welt, zu ihm, der unter uns wandelt und den wir nicht erkennen.
Ich betete...
und ich träumte...
Feuer war da; und ein Meer von Knochen. Bleiche Gebeine und totes Holz, so weit mein Auge sah - auch der Himmel hatte die fahle Farbe von bleichem Gebein angenommen. Allein, ein schwarzer Fleck am Himmel wurde schnell größer und nahm Formen an, bis ich einen Vogel erkennen konnte, mit Gefieder wie aus Schatten und ohne einen Fetzen Fleisch an seinen knochigen Hals, Schädel und Schnabel.
Als die Stimme des Totenvogels ertönte, klang sie, wie das knirschen, wenn ein Genick der Wucht der Schläge nachgibt und hallte, wie der letzte Laut einer zerfetzten Kehle:
'Warum wagst du dich ins Herz der Träume, kleine Katze? Es gibt hier nichts für dich.'
'Ich komme wegen Gerechtigkeit, ich komme wegen der Erkenntnis und ich komme wegen der Weisheit.' sagte ich. Der Vogel flog tiefer, kam aber nicht in meine Reichweite.
'Gerechtigkeit', wiederholte er, 'Gerechtigkeit ist eine Täuschung, die du weder in dieser, noch in einer anderen Welt findest... und Weisheit? Weisheit ist nicht ein Teil der Träume, obwohl Träume ein Teil der Summe aller Lebenserfahrungen sind. Dies ist die einzige Weisheit. Aber Erkenntnis, das ist Sache der Träume. Sie kann dein sein, aber nur, wenn dein Herz stark genug ist.'
'Siehst du jenen Berg?', fuhr er nach kurzer Pause fort, 'Dort gibt es eine Höhle und in der lebt die Katze der Träume, Herrscherin über diese schlafende Welt. Suche sie auf! Aber Vorsicht, der Weg dorthin ist hart und einer kleinen Katze kann viel geschehen.'
'Für mich sind alle Orte gleich.' sagte ich 'Ich werde die Höhle finden - und meine Antworten. Ich habe keine Angst.'
'Dann lebe wohl, Tochter!' sprach der Totenvogel und verschwand ins Nichts. So verließ ich die Wüste der Knochen und trat die lange Reise zum Heim der Katze der Träume an.
Ich ging durch den Geisterwald, wo die Toten und Verlorenen unablässig flüsterten und mir Welten versprachen, wenn ich nur anhielte, um mit ihnen zu spielen. Ich verschloss meine Ohren gegen ihr Drängen. Einmal dachte ich sogar, ich hörte meine Kinder rufen. Aber ich richtete den Schwanz auf und ging davon.
Ich durchquerte die kalten Gegenden. Hart und gefroren, wo jeder Schritt eine Qual war, jede Bewegung Folter. Ich ging weiter.
Ich durchwatete die Feuchtigkeit, die, meine Pfoten taub machend, mein Fell durchnässend, versuchte, meine Erinnerungen fortzuspülen. Ich ging weiter.
Ich schritt durch die Dunkelheit, die Leere, die alles verschlang - all das, was mich zu dem macht, was ich bin. Aber selbst in der Leere des absoluten Nichts, als ich nicht länger wusste, warum ich ging oder was ich suchte schritt ich vorwärts.
Nach einer Weile kehrte mein Selbst zurück und ich verließ den Ort und befand mich am Berg der Katze der Träume.
Als ich den Berg hinaufgestiegen war, sah ich die Höhle und ihre Wächter - drei an der Zahl und einer schrecklicher als der andere - und ich sagte zu ihnen: 'Ich bin gekommen, um mit der Katze der Träume zu reden.'
'Warum sollten wir dich durchlassen, kleines?' erwiderten sie 'Nicht mal ein Maulvoll und das meiste Fell und Knochen! Warum sollte der Herr der Träume von einer wie dir gestört werden? Der Herr der Träume wird nicht erfreut sein, wenn wir dir erlauben, ihn ohne guten Grund zu belästigen!'
'Ich bin zu weit gegangen, um nun abgewiesen zu werden, Wächter', fauchte ich, 'Ich werde meinen Fall nur dem Herrn der Träume darlegen! Ich bin eine Katze und behalte meine Gedanken für mich.'
'Dann tritt ein, Kätzchen!' schnarrte der Wächter, 'Doch sei gewarnt, Träume haben ihren Preis.'
Und ich ging weiter.
Die Luft roch seltsam in der Dunkelheit der Höhle, aber nach Katze. Langsam ging ich voran, obwohl alle meine Sinne mir zuschriehen, von diesem Ort zu flüchten. Mein Fell sträubte sich, meine Krallen sprangen hervor. Dann stand ich vor ihm. Sein Fell war zottig und schwarz, schwärzer als das Himmelszelt einer Neumondnacht - so schwarz, dass es unmöglich war, genauere Konturen an ihm auszumachen. Fürwahr, es schien, als wäre dort, wo sich seine Gestalt befand ein Stück aus der Welt herausgenommen worden und durch Schwärze ersetzt. Im Gegensatz dazu glühten seine Augen tiefrot aus seiner Silhouette hervor. Diese Augen waren es nun, deren Blick ich Stand zu halten suchte. Ich begann zu sprechen: 'Hier bin ich.' Ich war verängstigt, doch ich hoffte, das klänge überzeugend.
Seine Stimme klang so fremd, dass ich mich nicht mehr an sie erinnern kann:
'Und wer bist du wohl?'
'Eine Katze, Wanderin in der Nacht. Eine tote Krähe schickte mich, Erkenntnis zu erlangen.'
'Komm mit mir, kleine Schwester, und erzähl mir, warum du mich aufgesucht hast.'
'Ich...', begann ich, 'Ich will verstehen. Warum konnten sie mir meine Kinder nehmen? Warum leben wir so? Ich verstehe es nicht!'
Seine Augen loderten auf, als er sprach: 'Es heißt, eine Katze darf einen König ansehen. Also sieh mir in die Augen, kleine Schwester. Sieh mir in die Augen!'
Er zeigte es mir. Er sagte mir die Wahrheit, so wie ich sie euch jetzt erzähle. In seinen Augen sah ich Bilder - und in den Bildern erkannte ich die Wahrheit. Die Wirklichkeit der Katze der Träume veränderte alles, was ich mir vorgestellt hatte.
Dereinst, vor langer Zeit, lange bevor ihr euer erstes Leben begannt, lange bevor eure Mütter geboren waren und fast ebenso lange bevor deren Mütter geboren wurden sah das Antlitz der Welt anders aus als in der heutigen Zeit. Da wo nun Felder liegen, wo die Menschen ihre Strassen gebaut haben, wo Gärten, Dörfer und Städte aus dem Boden gewachsen sind, überall dort war das Land wild. Dichte Wälder und endlose Wiesen, auf denen das Gras so hoch stand, dass bald darüber die Baumkronen begannen, bedeckten die Welt. Die Wälder und Wiesen dieser Welt waren voll von Tieren, manche schnell und flink, andere groß und träge - die Herren dieser Welt und ihrer Tiere aber waren die Katzen. Damals waren die Katzen größer und kräftiger als sie es heute sind und sie machten nach ihrem Belieben Jagd auf alle anderen Tiere der Welt, denn keines von ihnen konnte es mit der Herrlichkeit der Katzen aufnehmen, mit ihrer Kraft, ihrer Gewandtheit, ihrer Ausdauer mit ihrer Weisheit und mit ihrem Willen. Und wenn es jemals etwas gegeben hat, mit dem eine Katze völlig zufrieden gewesen ist, dann war es das Leben damals in der Welt der Katzen.
Es gab auch Menschen auf dieser Welt - kleine, amüsante Äffchen, die sich in Laub oder in die Felle von noch kleineren Tieren hüllten, weil sie ansonsten lächerlich nackt gewesen wären. Der einzige Daseinszweck der Menschen war es, ihren Herren und Herrinnen zu dienen - den Katzen. Sie pflegten und reinigten deren Fell und sie sorgten dafür, dass kein Ungeziefer - also keine anderen kleinen Tiere - sich in den Lagern der Katzen breit machen konnte. Auf der anderen Seite erfreuten sich ihre Herren an der tollpatschigen, erheiternd dummen Art, die den Menschen schon immer zu eigen gewesen ist und manchmal, wenn es ihnen in den Sinn kam, erjagten sie sich ein Menschlein, spielten mit ihm, um es dann zu fressen.
Die Menschen ließen es mit sich geschehen. Schon immer war es so gewesen, die meisten waren zufrieden damit, ihr Schicksal denen zu überlassen, die über sie herrschten und die sie sich zu eigen gemacht hatten und diejenigen, die nicht mit ihrem Los zufrieden waren konnten nichts gegen die Herrschaft und Herrlichkeit der Katzen ausrichten.
Eines Tages aber tauchte ein Mensch auf, ein Männchen mit goldbraunem Fell, aufgezogen in den Lustgärten einer verweichlichten Katzendame, das den Keim der Unruhe unter den Menschen säte. Der Mensch hatte einen Traum und eine Eingebung - und er trat vor seine Gefährten und erzählte es ihnen: ‚Seht euer Leben an!' sagte er, ‚Wollt ihr denn auf ewig die willigen Diener und Spielzeuge der Katzen sein? Wollt ihr euch denn auf ewig von Wesen beherrschen lassen, die euch nur als nützliche Beute sehen, die man erst frisst, wenn man keine Verwendung mehr für sie hat?' Die anderen Menschen fragten ihn dann, wie er denn etwas gegen die Katzen ausrichten wolle. Wie er gegen Wesen vorgehen wolle, deren Maul und Klauen mit gewaltigen messerscharfen Klingen bestückt waren. Wie er ihrem Zorn entgehen wolle, da sie doch in der Nacht eben so scharf sahen, wie am Tag. ‚Die Macht,', sagte er dann, ‚Die Macht, die uns von der Herrschaft der Katzen befreien wird ist die Macht der Träume. Träume! Träume formen die Welt! Träume erschaffen die Welt jede Nacht neu! Seht, es sind unsere Träume, die die Dinge in der wirklichen Welt gestalten, es sind unsere Träume, mit denen wir uns eine Welt schaffen - und wenn nur genügend Menschen zusammen den selben Traum von einer besseren Welt haben, dann wird dieser Traum von da an die Wirklichkeit der Tagwelt bestimmen! Erträumt eine neue Welt!'
Für gewöhnlich zuckten die anderen Menschen mit den Schultern, wenn sie diese Worte hörten, und sie drehten sich um, gingen davon und vergaßen das, was das Männchen gesagt hatte. Immer wieder jedoch nahm sich ein Mensch die Worte zu Herzen und dachte bei sich ‚Seine Worte klingen zwar merkwürdig, aber ich will ihm gerne glauben - und es wird wohl nicht mein Schaden sein, wenn ich des nachts von einer Welt träume, in der die Katzen uns unterlegen oder sogar unterworfen sind.' Das Männchen aber zog weiter durch die Lande und erzählte seine index all denen, die zuhören mochten.
Die Zeit ging ins Land und mit den Jahren wurden es mehr und mehr Menschen, die von einer Welt träumten, in der sie und nicht die Katzen die Herren waren. Eines nachts schließlich war es soweit, dass genug Menschen gleichzeitig den selben Traum träumten - es waren nicht viele von ihnen; tausend vielleicht. Sie träumten von einer Welt, in der sie ihre Nacktheit hinter Gewändern aus Stoffen und Leder verbergen konnten. Sie träumten von einer Welt, in der sie komplizierte künstliche Höhlen bewohnten, damit sie nicht schutzlos gegen andere Tiere waren. Sie träumten von einer Welt, in der sie Stein und Metalle formen konnten und das Feuer beherrschten und sich mit Hilfe dieser drei Dinge die anderen Tiere unterwarfen. Es gab auch Katzen in ihrem Traum, doch diese waren klein und schwach, gerade gut dafür, die Behausungen der Menschen frei von Ungeziefer zu halten.
Sie träumten...
... und die Dinge änderten sich.
Die Menschen waren riesig... und die Katzen winzig. Die Menschen waren die dominante Art und wir ihre Beute und die ihrer Hunde. Beute in der Welt, die die Menschen gebracht hatten.
All das sah ich, als ich in die Augen der Traumkatze sah.
'Also haben sie die Welt in ihre jetzige Form geträumt?' fragte ich ungläubig
'Nicht ganz', war die Antwort, 'Sie träumten die Welt so, dass sie immer so war, wie sie heute ist. Es gab nie eine Welt der hohen Katzendamen und Katzenherren. Sie haben die Welt vom Anbeginn der Dinge bis ans Ende der Zeit verändert. Verstehst du nun?' Ja, ich verstand.
'Dann weisst du, was deine Aufgabe ist.', fuhr er fort, 'Du kennst die Last, die du trägst. Bist du stark genug?'
Ja, ich hoffte es.
Das letzte, was mir durch den Kopf hallte, als ich aus den Träumen hochschreckte war ein Schatten seiner Stimme:
'Dann erwache, Kind! Mit meinem Segen!'
Versteht ihr, ich hatte erkannt, was er mir gesagt hatte. Wenn sie es träumen konnten ... könnten wir die Dinge rückgängig machen, wenn wir glauben und träumen! Wir sind der Traum der Aasfresser, sagt man, vielleicht stimmt das. Aber wenn genug von uns träumen - wenn bloß tausend von uns träumen - können wir die Welt verändern!
Wir können sie von neuem träumen; eine Welt, in der keine Katze unter den Launen der Menschen leidet oder aus Bosheit getötet wird; eine Welt, in der wir regieren.
An diesem Tag verließ ich die Menschen, um die gute Nachricht zu verbreiten. Nun reise ich von Ort zu Ort. Ich bin unzählige Meilen gewandert. Manchmal hungerte ich und häufig wurde ich verletzt ... doch ich ging weiter. In habe an einsamen Orten zu ungezähmten Katzen gepredigt. Ich habe meine Botschaft von den Dächern zu den Sternen gerufen und in Gassen sterbenden Katzen zugeflüstert. Ich habe zu einer Katze gesprochen und zu vielen. Wo immer ich bin, ist meine Botschaft die selbe:
Träumt es! Träumt die Welt! Nicht diesen blassen Schatten der Wirklichkeit. Träumt die Welt, wie sie wirklich ist - eine Welt, in der die Katzen die Krönung der Schöpfung sind. Das ist meine Botschaft und ich werde weiterwandern und sie wiederholen, bis ich sterbe - oder bis tausend Katzen meine Worte hören, sie glauben und träumen. Dann kehren wir ins Paradies zurück."
Mit diesen letzten Worten wandte sich die alte Streunerin von ihren Zuschauern ab und sprang hinunter vom Dach in die Dunkelheit. Bald hatte sich die Schar ihrer Zuhörer zerstreut nur noch ein paar wenige waren zurückgeblieben und hingen den Gedanken der Erzählerin nach. Von diesen wenigen waren es noch weniger, die den Worten der Prophetin glauben schenkten und beschlossen, den Traum der tausend Katzen zu träumen.
Manchmal kommt es vor, dass Katzen wenn sie schlafen sich ducken, langsam die Pfoten bewegen nur um dann plötzlich zu zucken und wieder ruhig zu werden. Es ist, als würden sie im Schlaf etwas jagen - sie träumen. Allein, es wird so geschehen, wie es sich die Erzählerin erhofft - denn niemals werden tausend Katzen sich überzeugen lassen, zur gleichen Zeit das Selbe zu tun.