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Der Blutrote Stier

Eine Mär der Su'un
Tai Sah'Halour - Glurias

Epistemischer Status: #überlieferung (Legendensammlung)

Die Erzählung vom Blutroten Stier ist eine moralische Sage der Nordmänner (Su-un), die vor habgierigen Wünschen und den Schrecken des Krieges warnt.

Die Legende

Zwei Herrscher im Norden (hinter den Skapen) führten einen achtjährigen Krieg um die Vorherrschaft. Ein verzweifelter König wünschte sich von einem "bunten Fremden", dass sein Wappentier, der rote Stier, über beide Reiche herrschen und in den Schädeln seiner Feinde waten solle.

Der Wunsch wurde auf grausame Weise erfüllt: Ein monströses, aufgedunsenes Wesen aus Fleisch und Blut ("Der Rote Stier") erschien und vernichtete innerhalb von 99 Tagen alles Leben in beiden Reichen. Schließlich verschlang die Bestie auch den König selbst.

Lore-Bedeutung

Die index dient als warnendes Beispiel gegenüber der Anrufung unbekannter Mächte und illustriert das tragische Schicksal der Su'un-Völker vor ihrer Einigung. Der "bunte Fremde" weist Ähnlichkeiten mit Trickster-Gottheiten oder dämonischen Verführern auf.


Vor langer Zeit herrschte, hoch im Norden, noch weit hinter den steinernen Flanken der Skapen Streit zwischen zwei Stämmen der Nordmänner - denn beide beanspruchten für ihre Blutlinie die Krone, vor der sich der gesamte Norden beugte. Acht Jahresläufe schon führten sie gegeneinander schon Männer und Eisen in die Schlacht, ohne dass die eine oder die andere Seite zu gewinnen schien.

Die Gesichter der Frauen und Kinder waren schon lange mager und blass, die Äcker brach und die Dörfer leer und von Bränden geschwärzt. Die Lande richteten sich gegenseitig zu Grunde und es war sicher, dass bald das eine oder das andere würde aufgeben und auf die Krone verzichten müsse, wenn es nicht erfrieren oder verhungern wollte. So saß der eine König, gebeugt und geplagt, in seinem von dunklem Holz getäfelten Saal und fuhr sich in bitterer Verzweiflung über die lichter werdenden Haare. Er hatte schon den eigenen Untergang vor Augen, da erschien - am letzten warmen Tag vor dem Einzug des Winters - ein Fremdling vor den Stufen seines Thrones. Seine Gewandung war farbenfroh und braungebrannt war sein Gesicht. Er sprach in freundlichen Worten zu dem König, dass er gekommen sei um ihn einen Wunsch zu erfüllen, denn er hielte nur ihn unter all den Menschen für würdig solch ein Geschenk zu bekommen. Der König wollte den Worten, verzweifelt wie er war, gern Glauben schenken und ohne lange zu überlegen sprach er seinen Wunsch auch schon aus:

"So es wahrlich in deiner Macht steht, Fremder, einen Wunsch wahr werden zu lassen, so lausche:
Ich will, dass mein Wappen, der rote Stier, über die beiden Reiche des Nordens herrsche und kein Feuer und keine Klinge soll ihm je wieder gefährlich werden können! Ich will es getränkt sehen im Blut meiner Feinde und zahlreich sollen die Häupter meines Heeres darunter sein!"

Als er das hörte, verneigte sich der Fremdling, und versicherte dem König, dass er beim morgigen Erwachen beobachten könne, wie sein Wunsch in Erfüllung gehe - und damit verschwand er mit dem Schatten einer Bewegung. Der König, voll neuen Mutes, ging zu Bette und erwachte am nächsten Morgen begierig zu sehen, was über Nacht geschehen sein möge. Doch er fand die ganze Burg leer - keine Dienstmagd, keine Wache war mehr an ihrem Platz, und auch von seinem Wappen war der prächtige, rote Stier wie von Zauberhand verschwunden.

Angst erfasste den König der Nordmänner und er schritt hinaus in den Burghof - Und siehe! Mitten auf dem Platz stand ein gewaltiges Wesen. Einem Stier wohl ähnlich, doch aufgedunsen und unförmig, wie dutzende blutrot ineinander verflossene Leiber mit hundert Hörnern, Hufen, peitschenden Schwänzen und ungezählten, wilden Augen. Der König wurde bleich wie sein Gebein während das Wesen nacheinander all seine Köpfe erhob und aus den zahlreichen Schlünden ein gewaltiges Grollen zu vernehmen war. Und wie eine reißende Flut aus rotem Fleisch, getragen auf donnernden Hufen stürzte der Stier durch die berstenden Tore der Feste und ergoss sich wie eine Nacht von talgigen Fackeln über das Land und Keiner, der ihm begegnete entkam. Sie alle wurden zermalmt unter den eisernen Hufen, versengt von der Glut der Nüstern, gekettet an die tausend Hörner und die bebenden Flanken. Und nach neunundneunzig Tagen war kein Leben mehr, ausser dem roten Stier und dem König.

Wandernd durch die geborstenen Dörfer seiner Reiche und die zerschlagenen Äcker klagte und jammerte der König über das Elend seines Schicksals. Und er wanderte neunundneunzig Meilen und fand kein Leben, kein Wasser, das nicht von Blut gefärbt war und keinen Acker, der nicht den Toten gehörte. Schliesslich brach er zusammen in der ärgsten Wildernis um zu sterben. Da erschien der rote Stier vor ihm und starrte ihn aus hundert Augen an, voll Verachtung - Und man hörte die Stimme des bunten Fremden.

"Dort oh König ist dein Wunsch erfüllt und all dein Krieg ist letztlich zu dir gekommen - Stolz und Ruhm und tausend Schädel hat er gefressen, jetzt beuge dein schuldiges Haupt und stirb im Bauch deiner Bestie!"

Und letzte was man hörte war das schallende Gelächter des braungesichtigen Fremden, bevor der Stier sich ein letztes mal aufbäumte, den König verschlang und sich tief in die Erde der Wildnis bohrte. Dort nun ist das Grab vom König und dem roten Stier, der war voll Blut, und keiner lebte, davon zu erzählen denn so war es gut.